Alleingeburt beim ersten Kind: “Ich mach’ einfach mal.”

Alleingeburt beim ersten Kind: “Ich mach’ einfach mal.”

Wie fange ich an? In den letzten Wochen haben Oscar und ich so viele inspirierende und bewegende Geburtsberichte gelesen, als wir das E-Book „Von uns für dich“ zusammengestellt haben, sodass ich mich nun frage: Wie möchte ich meinen Geburtsbericht eigentlich schreiben? Witzig? Bewegend? Sehr detailliert oder eher nur das Gefühl?
Ein Teil habe ich bereits etwas früher auf der Reise zusammengeschrieben und ich habe nun beschlossen, nach Gefühl und aus meinem Herzen heraus noch ein paar Sachen dazuzuschreiben, die mir beim Durchlesen so kommen.

Was mir unter anderem erst nach der Geburt bewusst geworden ist und woran ich immer mal wieder denken muss, ist der Tag VOR der Geburt.

Es ist der 2. April 2016 und ich weiß noch, dass Oscar und ich spazieren waren. Mir ging es, wie die meiste Zeit meiner Schwangerschaft sehr gut und ich genoss den Gang – wir gingen sooo viel spazieren, das war so schön!
Was mir in Erinnerung geblieben ist, ist, dass ich sehr bewusst und im Hier und Jetzt war. Alles war leicht und „klar“. Ich war dort, wo ich gerade war: Bei den Bäumen, der Frühlingssonne und meinem Körper. Ich hatte keine Vorahnung, dass es morgen soweit sein könnte, aber wenn ich eben jetzt zurückdenke, war es wirklich ein sehr schöner Tag, an dem ich mich sehr wohlfühlte, was sicher mit dem kleinen Wesen in mir zu tun hatte, dass beschlossen hatte, am nächsten Tag zu kommen.

Diese „Klarheit“ konnte ich natürlich gut gebrauchen und es wäre schön gewesen, wenn sie den ganzen nächsten Tag geblieben wäre, doch am Tag danach war auch mein Verstand wieder wacher, aber ich erzähle nun mal 🙂

Am Morgen des 3. Aprils 2016 wachte ich, wie so oft in der Schwangerschaft, gegen 4 Uhr auf. Ich kochte mir einen Kamillentee, da ich so ein Drücken im Bauch spürte und dachte es sei eine Verstopfung (der ET war übrigens der 8. April). Komisch oder? Ich dachte immer, ich sei bewusst genug, um zu merken, wenn es losgeht, aber ich wollte es mir wohl irgendwie nicht eingestehen, denn selbst als es immer doller wurde und ich eine Ahnung bekam, sagte ich zu Oscar, als dieser so gegen 9 Uhr fragte, ob ich Wehen habe: „Vielleicht…“ mit eine zerknirschten Gesicht.

Ich hatte alles einfach auf mich zukommen lassen. Kein Frauenarztbesuch und auch kein Vorbereitungskurs, einfach nur meine persönlichen Vorbereitungen, die mir so kamen.
Es war eine wunderschöne Zeit! (In meinem E-Book „Haus- / Alleingeburt – Verstanden werden und mit Ängsten umgehen“ beschreibe ich genauer, was mir in der Schwangerschaft guttat.) Und nun kam einfach DER TAG. Es war soweit 🙂

Langsam war klar, dass es losging. Vor allem, als ich mich etwas später, so gegen 10 Uhr wohl, bei jeder Wehe anlehnen musste. Alles klar! Dann mal an den Plan! Oscar machte sich also an die Vorbereitungen und baute alles so auf, wie ich es mir vorher aus- und wirklich aufgemalt hatte. Er baute den Pool auf und ging auch noch einmal etwas zu Essen einkaufen.

Ich erinnere mich nicht so genau an den Vormittag, nur dass ich plötzlich etwas gestresst wurde, da ich ein Skype-Gespräch und ein Interview für den Tag geplant hatte und ich dachte an diese Verabredungen, die ich jetzt nicht einhalten konnte. Ich saß da also auf dem Sofa und war wirklich in den Wehen!! 😀 unglaublich!

Ja, nach war uns? Das Wasser lief in den Geburtspool und wir kuschelten uns mit Eckhart Tolles „JETZT! Die Kraft der Gegenwart“ aufs Sofa. Noch war liegen wohl okay und Oscar las laut vor, während ich die Wehen veratmete. „Lies du nur weiter, ich muss einfach zwischendurch tief atmen, damit es nicht wehtut.“ Waren glaube ich meine Worte. Ich machte echt einfach so drauf los! 😀
Ich weiß den Abstand nicht und ich dachte auch nicht daran, dass es wichtig sein könnte, das zu kontrollieren. Es kam mir aber schon ziemlich schnell hintereinander vor.

Irgendwann wechselte ich in den Pool und blieb dort eine ganze Weile alleine für mich. Ich döste vor mich hin. Die Wehen hatten sich wohl wieder etwas beruhigt oder ich war einfach tiefenentspannt. Ich kann nicht sagen, wie lange ich dort lag. Irgendwann sagte Oscar, der die ganze Zeit auf dem Sofa saß: „Das dauert aber lange.“ Ich bekam tatsächlich ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, da er da nur saß und „nichts geschah“. Das brachte mich irgendwie raus. Schade, denn jetzt kann ich sagen, dass das einer der schönsten Momente in den Wehen war.

Nach einer Zeit, ich weiß nicht mehr wie lange oder was genau geschah, kam Oscar dann zu mir in den Pool. Die Wellen wurden nun stärker und ich erinnerte mich an das Tönen. Ich lag in Oscars Armen und ließ mich wirklich gehen. Ich tönte das O, das I, das E, das U… (Jede Welle hatte ihren eigenen Ton, mit welchem sie transzendiert wurde, das E ist mir als besonders helfend in Erinnerung geblieben). Diese Phase erinnere ich als sehr kraftvoll, loslassend und vertrauend.

Zwischendurch wurde ich sehr emotional. Es dauerte schon eine Weile und die Wehen wurden immer stärker. Ich hatte in der Schwangerschaft so viele schöne, kraftvolle, schmerzfreie, geduldige, inspirierende Alleingeburtsgeschichten gelesen, dass ich es mir irgendwie nicht erlaubte „schwach“ zu sein. Ich wollte, wie diese Frauen, einfach in Präsenz, in Hingabe und schmerzfrei gebären, doch nun ließ ich los. Ich erzählte auch Oscar, der noch mit mir im Pool war, davon und auch er ermutigte mich, meine Emotionen zuzulassen, sodass ich losweinte. Es tat gut, dass er da war und zuhörte.
Er fühlte dann irgendwann meinen Muttermund. „Doch, du öffnest dich!“ Auch ich fühlte mit meinen Fingern und tatsächlich: Ich war dort sehr offen. Ich versuchte mit meinen Fingern zu messen, ca. 7 Zentimeter, glaubte ich… Beim Fühlen, dass sich mein Muttermund sich öffnete, fasste ich neuen Mut.

Als es irgendwann ziemlich in meinem unteren Rücken zog, bat ich Oscar, mich dort mit einem warmen Lappen zu massieren. Er war mir wirklich ein treuer Helfer und tat es genau dort, wo ich es wollte und in der Art und Wiese wie es sehr gut tat und mich entspannte. (Ich nahm außerdem die Bachblüte Oak, wie in “The Birthkeepers” empfohlen).

Später wollte ich dann wieder alleine im Pool sein. Es wurde nun alles ziemlich intensiv und ich brauchte komplette Ruhe.

Es wurde immer schwerer, präsent und entspannt zu bleiben und als die letzen Öffnungswehen kamen, war ich dann doch total mit meinen Gedanken identifiziert.
Großer Widerstand baute sich in mir auf: “Ich will nicht mehr!”, “Wie lange noch!”, “Es tut so weh!”, “Oh nein, gleich kommt wieder eine Wehe…!”

Ich stand im Pool, meine Hände am Rand festgekrallt und schrie meinen ganzen Schmerz aus mir heraus.

Ich konnte wirklich sehen wie die Gedanken und mein Widerstand die Schmerzen noch stärker oder überhaupt erst zu Schmerzen werden ließen und konnte lange Zeit nicht loslassen.

Auch dachte ich an die Nachbarn und an alle möglichen Sachen. Ich war wirklich in meinem Kopf und der wollte einfach nicht, was dort passierte. Die Ungewissheit und dieses scheinbare „Gefangen sein“ in dieser Situation machte es mir eine Zeit lang sehr schwer, mich auf mich, meinen Körper und vor allem auf mein Baby zu konzentrieren. Ich hatte auch Angst vor dem, was da passierte.

Ich habe keine Ahnung, wie lange diese Phase dauerte, vielleicht 1-2 Stunden? Oscar hatte ich weggerufen. Ich musste einfach für mich sein. Er setzte sich also auf das Sofa und machte nichts mehr.

Es schüttelte mich am ganzen Körper.

Doch ich atmete weiter, mit den Worten “Ich bin offen.” in meinem Kopf wiederholend, runter zu meinem Muttermund. Das half mir wirklich sehr.

„Ich bin offen.“ „Ich bin offen.“ „Ich bin offen.“

Ich ließ es weiter einfach geschehen. Was hatte ich für eine andere Wahl? Ich konnte niemanden rufen. Das würde alles nur verschlimmern. Hier musste ich alleine durch. Nur so würde es gehen.

Irgendwann ging ich auf die Knie (ich kann mich nicht mehr daran erinnern, es kam einfach über mich). Ich stütze mich mit den Ellenbogen ab und nun ENDLICH, ging ich den Schritt und fühlte meine Hände. Ich tat es einfach. Egal, was da alles in meinem Kopf los war.
Bei jedem Angstgedanken, der kam, ging ich mit meiner Aufmerksamkeit wieder in meine Hände und fühlte ihr Energiefeld. Die Alternative wollte ich nicht mehr.

Während ich dort im Wasser kniete, hatte ich immer noch Angst. Ich hatte Angst davor, dass der Kopf rauskommt, dass er nicht durchpasst und ich reiße.

Hier half es mir auch, immer wieder in meinem Kopf zu wiederholen:

Mein Körper ist dazu gemacht, ein Kind zu gebären.

Auch kam das Resignationsgefühl, ein Anflug von Depression auf, die mich in meinem Leben oft und zeitweise sehr stark begleitet hatten.
Ich hatte Angst vor der bevorstehenden Veränderung in meinem Leben.

Ich musste mich für das Hier und Jetzt entscheiden, um nicht weiter zu leiden und das tat ich. Ich sagte also JA zum Leben.

Bei jeder Wehe hauchte ich nun also: “Ja! Ja! Ja!”

Das brachte mich aus meinen Gedanken raus und die Affirmation ließ mich ebenfalls lebensbejahend fühlen. Ich wollte einfach raus aus meinem Kopf, ich musste!

Bald darauf (ich weiß nicht, wie lange es dauerte, das Gefühl von Zeit hatte ich nicht mehr), flutschte dann der Kopf raus!

Dies holte mich schlagartig aus meinen Entspannungszustand oder Trance heraus und ich stand auf. „Oscar hilf mir!“ kam aus meinem Mund, ohne, dass ich an sich Hilfe benötigt hätte. Ich war einfach sehr erschrocken und wollte ihn nun rufen, da ja der Kopf nun tatsächlich draußen war! 🙂

Oscar hatte die ganze Zeit in eine Decke gewickelt auf dem Sofa gesessen und war eingenickt. Nun schreckte er hoch und dachte natürlich, dass ich Hilfe brauchte und versuchte den Kleinen dann irgendwann leicht herauszuziehen, was sich gar nicht richtig anfühlte, worauf er es ließ.

Ich wollte ja im Wasser gebären, also hockte ich mich wieder in das Wasser. „Nein!“ sagte Oscar „Der Kopf ist doch schon draußen.“ Er dachte, der Kleine würde ertrinken. Tief in mir wusste ich eigentlich, dass das nicht sein kann, aber auch ich fühlte mich in der Hocke und mit dem Kindskopf dort unter Wasser unwohl und stellte mich wieder hin.
Nun stand ich da und irgendwie presste ich dann etwas. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Auf jeden Fall, fiel unser Kleiner kurze Zeit später „platsch“ in den Pool. Ich hatte nicht ein Mal daran gedacht, meine Hände davor zu halten, um ihn zu fangen. Im Nachhinein habe ich mir dafür manchmal Vorwürfe gemacht, aber so war es nun mal in dem Moment.

Ich holte ihn aus dem Wasser heraus und schaute ihn an. Er hatte die Augen zu, sah aber etwas  „gepresst“ aus. Oscar sagte:“Er hat die Nabelschnur um den Hals“. Oh ja! Sie war ziemlich fest und zweimal herumgewickelt. Ich wickelte sie schnell ab, woraufhin der Kleine sofort ganz tief Luft holte und losschrie. Ich nahm ihn an meine Brust und hielt in nah an mich. Es dauerte nicht lange bis er sich beruhigte, seine Augen öffnete und mich ansah…..

Ich liebe diesen Gedanken daran! 🙂 Wow, was für ein Blick! Unbeschreiblich…

Er röchelte etwas, also saugte ich – wie ich es in einer der Geburtsgeschichten in „The Birthkeepers“ gelesen hatte, ein bisschen an seinem Mund, falls dort etwas Schleim drin war, doch es war alles ok.

Es war mittlerweile dunkel geworden. Ich weiß nicht, wie spät es war, doch Oscar meinte später, es muss so zwischen 21 und 22 Uhr sein.

Ich wollte schnell aus dem Pool. Das Wasser war schon kalt und voller Blut.
Der Versuch, mich mit dem Kleinen aufs Sofa zu setzen scheiterte kläglich, da ich mit der Plazenta noch in mir, nicht sitzen konnte. Also wieder hinstellen, den Kleinen auf dem Arm und die Plazenta rauskommen lassen. Oscar schien dies notwendiger als mir, ich wusste, dass sie schon irgendwann kommen würde, aber er machte sich da in dem Moment mehr Sorgen, wie sie nun herauskommt.

Ein kleines bisschen Pressen und sie flutschte heraus (in die Schale, in der wie sie dann auch die nächsten vier Tage aufwarten.)

Nun endlich konnten wir aufs Sofa und der Kleine uns ganz genau anschauen. Er war in meinem Arm, zwischen uns und schaute von einem zum anderen.

„Ja, hallo, wir beide begleiten dich nun eine ganze Weile.“ 🙂

Kurze Zeit später stillte ich ihn das erste Mal.

Unser Sohn war geboren und wir konnten ihn bei Kerzenlicht, in Ruhe, geborgen bei uns Zuhause begrüßen, sowie er uns.

Lotus Geburt und Baby Moon

Wir schnitten die Nabelschnur nicht ab, weder nach der Geburt, noch als sie aufhörte zu pulsieren. Sie blieb dran, bis sie am vierten Tag nach der Geburt von alleine abfiel.

Es war wirklich wundervoll, als ich aufwachte und sah, dass sie abgefallen und unser Sohn uns nun endlich vollkommen “gegeben” war.

Wir begruben sie ein Tag später hinten im Garten und pflanzten einen Baum darauf.
Es war alles sehr emotional, wie viele der ersten Schritte mit unserem Kleinen zusammen in unserem ein Monat andauernden „Baby Moon“ zu dritt, für den ich von Herzen dankbar bin. So viel Nähe, Kennenlernen, unbeschreibliche Gefühle der Liebe und des Seins, die dort ihren Raum und Zeit bekamen.

 

Die Alleingeburt war genau das Richtige für mich, da bei dieser Geburt unter keinen Umständen, Störungen von außen hilfreich gewesen wären. Ich habe in einem Moment während der Geburt als ich so mit mir gekämpft habe, gedacht, dass es angenehm wäre, eine weibliche Energie dabeizuhaben, aber Menschen, die in irgendeiner Weise etwas kontrollieren müssen oder wollen und ihre Sorgen und „Verantwortung“ mitbringen, hätten die Situation eher „verkompliziert“.
In keinem Fall sage ich, dass die Alleingeburt für jede Frau das Richtige ist, jedoch möchte ich zeigen, wie „normal“ Geburt an sich und wie einzigatig sie jedes Mal ist. Ich möchte die Frauen dazu ermutigen,hinzufühlen, wo, wie und mit wem an ihrer Seite, sie gebären möchten.
Ich bin sehr froh, dass nur wir da waren, als Finn rauskam und keiner, der anschließend irgendwelche Tests machen muss oder ähnliches. So konnten wir mit der Situation umgehen und ihn so willkommen heißen, wie wir sind und genau das machen, was wir fühlten.

 

Etwas mehr als ein halbes Jahr nach der Geburt, fing ich an mein E-Book über meine Schwangerschaft zu schreiben, das Schwangeren, die sich eine Haus- oder Alleingeburt wünschen nun ermutigen soll in der Schwangerschaft „bei sich“ zu bleiben, zu wissen, wie sie sich vorbereiten und mit Ängsten umgehen können.

Hier kannst du es dir anschauen.

 

Alles Liebe,

Linda

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